Systemisch leiten

In der Schule steht man leider vor der paradoxen Aufgabe ein selbstgesteuertes System zu leiten, obwohl einseitige Beeinflussung nicht möglich ist. [Siehe auch triviale Systeme]. Selbstverständlich braucht eine „Gruppe eine Leiterin, auf die sie ihre positiven Erwartungen bündeln und projizieren kann.“ (S. 84) Das wäre im Falle einer Gruppe von Schülerinnen die alle Lernen wollen wahrscheinlich die Lehrperson. Diese steht ja schon während des Unterricht vor der Klasse und kann diese Funktion übernehmen. Eine Klasse Gleichaltriger hat aber eine ganz eigene Dynamik und muss sich jede Stunde mit einer anderen Führung abfinden. Die Autoren von einfach systemisch sehen das ja doch auch so: „Auch die institutionalisierte Leitungsfunktion ist eine Aussenseiterposition.“(S. 103) Dies ist zwar hart, gilt es aber zu berücksichtigen und ist einfach umzusetzten indem man allparteilich handelt. Am besten nutzt man die „Vier Energien der Führung“ um sich selbst einzuschätzen, sich seinen Ressourcen klar zu werden und die Führung als Aussenseiter, der nicht direkt in ein System einwirken kann, durchzusetzen.
[Führungskompetenz lernen in der Sapphir Academy!]

Dazu passt auch die „Einstellung, die gute Absicht in jeder störenden Handlung zu entdecken und anzuerkennen“ (S. 88) Ein fantastischer Ansatz. Ich bin ja auch für Ressourcenorientierung bei den Lernenden, aber für so eine konsequent positive Einstellung braucht es schon eine sprituelle Erleuchtungserfahrung oder gute Drogen um die Realität wirklich so zu sehen. Dieser Ansatz gefällt mir noch besser als dass Schüler grundsätzlich gerne Lernen wollen. [Mehr dazu bei Mark]

Führen heisst Entscheidungen zu treffen. Mit Pacing (Mitgehen) alleine ist eine Leitung nicht möglich. Um weiterzukommen muss eine Entscheidung gefunden werden, die sozial akzeptiert und fachlich nützlich ist. Die Reihenfolge wird in der Schule jedoch meistens eher umgekehrt sein. Die Partizipation der Lernenden bei der Themenfindung und Leistungsbewertung ist eher untervertreten.
Im letzten Kapitel des Buches werden diese Themen auch aufgenommen und die Probleme mit dem System Schulklasse aufgezeigt. Eine grosse Gruppe erzeugt eine hohe Komplexität. Zudem kennzeichnet die Klasse eine geringe formale Struktur. Die Lehrperson soll die Subsysteme der Klasse erkennen und mit Kooperation und Arbeitsteilung neue Strukturen erschaffen. Die Perle aller Weisheit wird zum Unterrichts-Thema geboten:

„Die Beziehung zwischen Lehrerin und Schülern färbt das Interesse am Thema, wie auch das Interesse am Thema die Beziehung zur Lehrerin färbt – ein zirkulärer Prozess zwischen Inhalt und Beziehung.
[und jetzt nochmal zum mitschreiben:]

  • Je mehr die Lehrerin beliebt ist, desto eher wird die Klasse ihrer Themenwahl zustimmen.
  • Je interessanter das Thema scheint, desto mehr Zustimmung bekommt auch die Lehrerin.“

Einfach systemisch! Auch bei Google Books

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2 responses to this post.

  1. […] « Balance Systemisch leiten […]

    Antwort

  2. Hi Simon,

    ich möchte 2 Punkte zu Deinem Blogeintrag „Systemisch leiten“ aufgreifen, die mir gerade „selbst bewusst“ (Auseinanderschreibung!) geworden sind:

    1. „Um weiterzukommen, muss eine Entscheidung gefunden werden, die sozial akzeptiert und fachlich nützlich ist.“

    2. „Je mehr die Lehrerin beliebt ist, desto eher wird die Klasse ihrer Themenwahl zustimmen. Je interessanter das Thema scheint, desto mehr Zustimmung bekommt auch die Lehrerin.“

    Ich war oftmals als Schülerin, Studentin oder Teammitarbeiterin mit manchen der„Entscheidungen“ meiner Lehrkräfte oder „VOR-gesetzten“ (im wahrsten Sinne des Wortes!) nicht so ganz einverstanden. Dasselbe gilt für Personen, die Führungsansprüche in der Lerngruppe mit Gleichrangigen anmelden oder eben einfach ungefragt durchsetzen – weil sie es in ihrem Alltag und ihren anderen sozialen Bezugssystemen (un)bewusst auch immer so machen (müssen).

    Ich habe festgestellt, dass ich als Lernender zwar froh bin, wenn ich mich auf die tragenden Schultern der anderen wirklich verlassen kann. Aber ich möchte dennoch meinen eigenen Lern- und Lebensweg bestreiten dürfen, nicht durch andere eingeengt werden und faule Kompromisse machen müssen oder gar zum Befehlsempfänger und „ausführenden Täter“ werden. Ich möchte für mein Tun selbst verantwortlich sein können.

    Als Lernender in der Gruppe oder gegenüber der Lehrperson muss ich immer auch selbst mitbestimmen dürfen, was für mich neu, interessant und gut ist zu lernen oder eben nicht zu lernen, weil es mich nicht weiterbringt. Und ich bestimme letztlich auch selbst, von wem ich mir dabei helfen lasse. Nur weil mir jemand VOR die Nase GESETZT wurde, heisst das noch lange nicht, dass er mich auch führen darf. Führen kann nicht einseitig bestimmt werden. Ich muss mich auch „leiten lassen“ wollen. D.h. die Lehrperson selbst (und nicht nur ihre Entscheidung) muss vom Schüler „sozial akzeptiert“ sein. Für mich persönlich bedeutet das erstens – sie muss Fachwissen haben – und zweitens – sie muss für mich glaubwürdig und authentisch sein.

    Im Buch „Einfach Systemisch“ klingt das so: „Um überhaupt arbeiten zu können, braucht es eine kommunizierte Zustimmung der Arbeitsgruppe zur Leiterin. Etwa als würde man sagen: „Sie sind die Richtige“, und eine innere Zustimmung der Leiterin zu ihrer Funktion: „Ich bin die Richtige und tue, was wichtig für die Gruppe ist“. Ebenso braucht es eine Übereinstimmung subjektiver Deutungen zum Inhalt, zu den Zielen der Leitungsarbeit. Ist diese Übereinstimmung auf der einen oder anderen Ebene erschüttert, braucht es Zeit, Energie und Kommunikation, um sie wieder herzustellen. Diese Übereinstimmung zu ermöglichen, gehört zum Leiten.“ Genau das habe ich schon einige Male erlebt und wusste nicht, warum es miteinander einfach nicht funktioniert – warum ich jemanden einfach nicht akzeptieren konnte, selbst wenn ich wollte oder sollte.

    Und damit noch ganz kurz zum 2. Punkt: Viele junge Lehrerinnen machen den Fehler, einfach zu nett zu sein, um sich bei den Schülern beliebt zu machen – in der Hoffnung, dass diese ihnen dann folgen. Die Balance zwischen Nähe und Distanz sowie variierenden Methoden fester und loser Kopplung sind aber selbst für die Schüler wichtig – die auch gar nicht „wie“ die erwachsenen Lehrer sein wollen, sondern sich eher abgrenzen möchten.
    Abgesehen davon, ist die Grundannahme dieser Lehrerinnen schon falsch. Die Lehrperson muss die notwendige Aussenseiterposition, die sich aus der Leitungsfunktion ergibt, wirksam ausfüllen und nicht versuchen, sich mit den Schülern gleich zu machen. Akzeptanz und Respekt erreicht man sicher nicht durch „sich beliebt machen wollen“, sondern über Fachwissen kombiniert mit authentischer Führungskompetenz. Das ist zumindest meine Meinung.

    Antwort

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