Archive for Januar 2011

Wertorientierung

Die Stärkung der Persönlichkeit, der Kommunikationsfähigkeit und des Sozialverhaltens gelten als die zentralen Forderungen der Arbeitgeber an die Schule. Die Sozialkompetenz fehlt auch in keinem schulischen Leitbild. Wie kann dies praktisch umgesetzt werden?

Wollen wir Sozialkompetenzen fördern müssen wir Wertorientierung bieten. Gruppenarbeit allein reicht nicht. Die Lernenden wie auch die Lehrenden sollten angeregt werden an sich selbst zu arbeiten. Hierzu müssen erst einmal die eigenen Werturteile erkannt, artikuliert und hinterfragt werden. Im Klassenzimmer bedeutet Wertorientierung zuerst einmal den Lernenden mitzuteilen, was für Werte im gegenseitigen Umgang für einen selbst wichtig sind, was für Regeln sich daraus ableiten und wie man sie verfechten und durchsetzten wird. Genauso sollten die SchülerInnen ihre Ansichten von gesellschaftlichen Zusammenleben einbringen und Verbindlichkeiten festlegen können.

Eine deutlich vertretene Werthaltung der Lehrperson als Stellungnahme bei moralischen Fragen kann im Fach Geschichte äusserst produktiv wirken. Bei gewissen Themen entsteht eine kontroverse Diskussion, bei der sich Jugendliche in ihrer Sichtweise entweder bestätigt finden oder sich in ihrem Individuationsprozess von anderen Meinungen abgrenzen können (Beispiel: Soziale Frage, Marxismus). Andere Themen hingegen lassen keinen Spielraum für kontroverse Meinungen (Beispiel: Stalinismus), müssen aber durch die Ausleuchtung der Hintergründe nachvollziehbar gestaltet werden. Die Lernenden können durch die eigene Interpretation von verschiedenen historischen Sichtweisen auch die Fähigkeit erlangen eigene Handlungen zu differenzieren lernen. Ein Predigen von sozialen Werten und Normen läuft gerade bei Jugendlichen ins Leere. Die Konsequenzen von Handlungen müssen selbst erfahren werden. Werte werden kommunikativ ausgehandelt. Verwirklichen können sie sich nur in der gelebten Gemeinschaft. Partner- und Gruppenarbeiten sollten reflektiert werden, Konflikte besprochen werden. Es gibt keine „Werte-Erziehung“ (einfach systemisch, S. 65). Soziales Verhalten muss selbst ausprobiert werden um Aufbau einer möglichst differenzierten inneren Repräsentation zu ermöglichen. [Weiterführend im Beitrag: Systemisch leiten]

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Balance

Selbstorganisertes Lernen bedeutet im Kern, den Lernprozess selbst zu planen, zu steuern und zu kontrollieren. Auch wenn die Lerninhalte vorgegeben sind [siehe Erläuterungen im letzten Eintrag] lässt dies einen Spielraum offen den Lernprozess selbstbestimmt mitzugestalten und die Neugierde und das Interesse durch die Form des Unterrichts bei den Lernenden zu fördern.

Um das selbstorganisierte Lernen und die Aneignung von intelligentem Wissen durch einen „Prozess der inneren Umstrukturierung“(„einfach systemisch!, S.52) zu fördern müssen individuelle Zeitanforderungen und persönlich bedeutsame Lerninhalte, die emotional anregend sind, geboten werden. Des weiteren sollten die Arbeitsaufträge eine Herausforderung darstellen und die Sozialkompetenzen der Lernenden fördern. Diesen vier Bedingungeng im Rahmen der Schulstrukturen gerecht zu werden ist nicht einfach aber auch nicht unmöglich. Jedem einzelnen Lernenden auf der Sekundarstufe II gerecht zu werden erscheint mir nicht praktikabel zu sein. Von den persönlich bedeutsamen Inhalten abgesehen, benötigen die einzelnen SchülerInnen mehr oder weniger Zeit und Führung. Ein stabiler Rahmen ist aber unbedingt notwendig. „Selbständigkeit braucht feste Grundregeln“(S.53). Die einen Lernenden benötigen engere die anderen offenere Grenzen. Sich in diesen Grenzen selbst erfahren wollen so ziemlich alle, insbesondere Pubertierende.

Das wichtigste Instrument um die Unterrichts- und Kommunikationsformen der Gruppendynamik der Klasse anzupassen ist die Empathie der Lehrperson. Mit der Methode Frontalunterricht (oder besser gesagt: fragend-erklärender Unterricht im Klassenverbund) kann die Stabilität der Sicherheit meiner Meinung nach am ehesten gewahrt, die Balance zwischen Fremden und Vertrauten gehalten werden.

Das Gleichgewicht zwischen Ordnung und Chaos zu halten bleibt eine schwierige künstlerische Herausforderung. In „einfach systemisch!“ werden die Widersprüche mit denen jeder Lernende umzugehen zu lernen hat auf S. 64 aufgelistet.
Um mit den Herausforderungen adäquat umgehen zu lernen und eine „künstlerische“ Gestaltung an das Unterrichten und die Klassenführung zu entwickeln gilt es vor allem die Erwartungen an sich selbst und an die Lernenden nicht zu hoch zu schrauben – sich als Teil des Systems mit beschränkten Möglichkeiten zu sehen. [Eine etwas andere Sicht gibt es bei Mark zu lesen]

Systemische Lernkultur

Um einen optimalen Lernprozess anregen zu können sollte die Lehrperson möglichst ganzheitliche Lernimpulse und persönlich bedeutsame Lerninhalte anbieten. Sicherlich wäre es für SchülerInnen am besten nur das zu Lernen, was Interesse und Neugierde auslöst. Leider wird im Buch „einfach systemisch! an diesem Punkt auf Anregungung von reformpädagogischen Richtungen weiter verwiesen.

Ziel des systemischen Bildungsprozesses ist es die Fähigkeit zur Selbstorganisation zu erlangen. Korrekterweise wird an diesem Punkt im Buch auch auf den Widerspruch hingewiesen der durch das Eingreifen der Lehrperson bei der Vermittlung der Lerninhalte entsteht. (Der Reformpädagoge Hugo Gaudig hält die Lehrerfrage für Förderung von Unselbständigkeit)
Jüngere Lernende sind meiner Meinung nach zudem schlicht überfordert, wenn sie zu offen mit der Möglichkeit der Selbstorganisation konfrontiert werden. Im geeigneten schulischen Rahmen und der sinnvollen Eingrenzung der Möglichkeiten durch die Lehrperson wie in der Montessori-Pädagogik kann die Kompetenz zur Selbstorganisation sicherlich positiv gefördert werden. In dem bestehenden schulischen Rahmen fordern aber auch ältere SchülerInnen, wie ich dies im Praktikum eindrücklich erfahren habe, viel mehr die eng geführte frontale Form des Unterrichts. Gerade die Erwachsenen Lernenden arbeiten zielgerichteter und möchten mit wenig Aufwand und zeitlich effizient zum Erfolg kommen. Die Hürden auf dem Weg zur Matura sind die Klausuren und die Abschlussprüfung, die alle absolvieren müssen. Die SchülerInnen müssen allzu oft fremdbestimmt lernen. Es ist ihnen nicht zu verdenken, dass sie diesen Stoff möglichst reduziert und präzisiert serviert bekommen möchten um sich in kurzer Zeit auf die Prüfungen vorbereiten zu können. Dass so nicht unbedingt intelligentes Wissen geschaffen wird ist vielen Lernenden herzlich egal. Gewisse Fächer und Inhalte sind Pflicht. „Was soll ich später damit anfangen?“, ist eine berechtigte Frage, die mit dem Verweis auf Kompetenzförderung nicht befriedigend beantwortet werden kann. Die Lernenden befinden sich in einem System, das nicht demokratisch ist und in dem die Vielfalt der Lebensentwürfe nicht berücksichtigt werden. In einem autoritären System wo Widerstand auf einer gewissen Ebenen sinnlos ist, verhaltet man sich lieber passiv und versucht es sich so bequem wie möglich einzurichten. Um selbstorganisiertes Lernen zu fördern ist eine echte Partizipation notwendig. So sehr ich das Konzept begrüsse, der institutionelle Rahmen begünstigt diese Form des Lernens nicht. Aber Alternativen sind denkbar. [Dazu nächstes Mal mehr]

LernJob3

So begeistert ich von den Möglichkeiten von Google sites bin, wie ich dies im letzten Blogeintrag beschrieben habe, die Euphorie der Lernenden hingegen fällt im Umgang mit Webanwendungen diesbezüglich sehr unterschiedlich aus.

In meiner letzten Unterrichtsstunde mit einer meiner Praktikumsklassen ergab eine Evaluation zu meinem Unterricht zwar eine Wertschätzung meiner Bemühungen mit der Erstellung einer eigenen Webseite, die Lernenden erachteten aber den Aufwand für die kurze Dauer eines Praktikums als zu hoch an.

Interessanterweise ergab die gleiche Evaluation mit der anderen Klasse, die einen Online- LernJob zu erfüllen hatte ein etwas anderes Bild. Da diese Klasse insgesamt viel weniger Mühe hatte sich mit PC und Internet zurechtzufinden und ausserdem für die Bearbeitung des Auftrages wesentlich mehr Zeit zur Verfügung hatte, war auch das Feedback dementsprechend positiver.
Die beiden Klassen sind in ihren Voraussetzungen ähnlich:
– Erwachsenenklasse, – Berufsbegleitende Berufsmatura, – Kleine Klasse mit elf respektive vierzehn SchülerInnen, – etwa achzig Prozent weiblich, – Durchschnittsalter Anfang zwanzig.
Der grösste Unterschied liegt bei den beruflichen Hintergründen. Während in der medienfreundlichen Klasse alle Lernenden einen kaufmännischen Abschluss besitzen und auch die BM in diesem Profil absolvieren, haben in der anderen Klasse die Lernenden ganz unterschiedliche berufliche Werdegänge hinter sich und besuchen das BM-Profil Soziales. In der Arbeitshaltung und betreffend des Klassenklimas könnten die zwei Klassen nicht unterschiedlicher sein. Die „kaufmännischen SchülerInnen“ bevorzugen stilles, selbständiges Arbeiten. Während der Lektion beteiligen sie sich sehr zurückhaltend am Klassengespräch. Die „sozialen Schülerinnen“ hingegen beteiligen sich ausserordentlich rege im Plenum und wünschen sich ganz ausdrücklich frontalen Unterricht.
Wie das soziale System Klasse die Haltung der Lehrperson beeiflusst und wie umgekehrt,dazu mehr im nächsten Blogeintrag.

Die dringendste Fragen der SuS, wie die selbständige Arbeit in der Prüfung berücksichtigt wird konnte nur ausweichend beantwortet werden indem auf die Erarbeitung von Kompetenzen verwiesen wurde. Mit einer eigenen Klasse würde ich mit Hilfe eines Kompetenzraster mehr Verbindlichkeit und Selbstkontrolle zu erzeugen versuchen.

Zu Sanktionen musste ich zum Glück bei keiner der beiden Klassen greifen. Bis auf je eine entschuldbare Ausnahme wurden die Arbeitsaufträge zur vollen Zufriedenheit erledigt. Leider haben die Lernenden ausnahmslos nicht gemerkt, dass es nach dem Erstellen einer Seite noch zwei weitere Schritte zu erfüllen gibt (Siehe Arbeitsauftrag). Ich wollte die Klasse nicht verpflichten diese Aufgaben noch zu erledigen. Meine Einflussmöglichkeiten nach dem Praktikum wären zu gering und die Praxislehrperson sollte nicht Altlasten von mir übernehmen müssen. Da ich die SchülerInnen zur freiwilligen Erledigung gebeten habe, kann ich es jetzt wohl vergessen, dass noch etwas zusätzliches kommen wird.