Archive for November 2010

LernJob 1

Meinen LernJob habe ich so gestaltet, dass er auch in meinem derzeitigen Praktikum ausprobiert und durchgeführt werden kann. In der ersten Stunde mit der „Versuchsklasse“ habe ich die elf  SchülerInnen der Berufsmaturitätsschule in Weinfelden gefragt ob sie lieber ein Kurzreferat vor der Klasse halten möchten, oder eine Seite im Internet gestalten möchten. Eine hunderprozentige Mehrheit sprach sich für die zweite Option aus. Die Lernenden können am Unterrichtsinhalt partizipieren. Ihrem Wunsch sollte entsprochen werden.

Dank dem einfachen Tool von Google sites konnte ich innerhalb von vernünftiger Zeit eine Webseite erstellen, welche der Klasse als Gerüst für weitere Aktivitäten in anderen Fächern dienen könnte. Zu den Möglichkeiten von Google sites später mehr. Der LernJob besteht kurz gefasst aus folgenden Aufgaben:

Die Lernenden müssen sich für ein Thema entscheiden, dieses im Internet recherchieren und auf einer selbst gestalteten Webseite präsentieren. Inhaltlich nehmen die Lernenden kritisch Bezug zur Ideologie des Nationalsozialismus und verfassen einen Kommentar zu einem Artikel der MitschülerInnen.

Folgende Lernziele werden formuliert:

  • eine eigene Webseite erstellen
  • ein Thema reflektiert präsentieren
  • eine Internet-Recherche durchführen
  • einen kritischen Kommentar verfassen

Für diese Aufgabe stehen den Lernenden drei Lektionen sowie zwei Stunden als Hausaufgabe zur Verfügung. Als Glücksfall hat sich erwiesen, dass meine Praxislehrperson vergessen hatte mir vorab mitzuteilen, dass die Klasse neben den zwei Wochenstunden, die ich mit ihnen durchführen werde, eine dritte Geschichtslektion besuchen. Drei dieser zusätzlichen Lektionen können für diesen selbständigen LernJob verwendet werden. Die Lernenden bekommen sogar die Möglichkeit den Lernort selbst zu bestimmen: Ein Informatikraum an der Schule steht zur Verfügung. Der LernJob kann aber auch  zu Hause oder an einem anderen Ort mit PC und Internet durchgeführt werden.

Die Betroffenheit bei den Lernenden zu erwirken, wurde durch die provokative Gestaltung der Seite versucht:

Die ausformulierte Aufgabenstellung sowie die Fortschritte der Lernenden in ihrem LernJob sind unter dieser Adresse ersichtlich: https://sites.google.com/site/jmkb09a/home

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Systemisch lernen

Dass Lernen eine selbstorganisierte Tätigkeit ist, die nicht perzeptiv, sondern nur handelnd ausgeübt werden kann, war die Aussage meines letzten Artikels.

Wissen wird nicht passiv aufgenommen, sondern entsteht im Lernenden.“ (einfach systemisch, S. 43) Diese Aussage will die Autorin als Antwort darauf verstehen welche „Landkarten“ wir vom Lernen machen und wie unsere Vorstellung von der des Lernenden verschieden sein kann. Genauso wie wir unsere Lebenswelt konstruieren haben wir auch eine Vorstellung davon wie wir selbst unser Lernen erfahren und wie wir als Pädagogen dies für unsere SchülerInnen voraussetzen. Das Problem ist nur das jeder eine etwas andere „Landkarte“ besitzt. Die Theorien können wissenschaftlich fundiert und bewusst, oder empirisch erfolgreich und unbewusst sein. Auf jeden Fall haben sich die Theorien für unsere Lebensführung und unsere Selbstkonstruktion als viabel erwiesen. „Eine Theorie ist eine höchst lebenspraktische Notwendigkeit: Sie ordnet unsere Erfahrungen und erklärt uns die Welt. (…) Unsere Theorien bestimmen, was wir beobachten.“ (S. 44)

Unsere Weltsicht bleibt keineswegs eine starre Konstruktion. Wir selbst sind in der Lage die Aufmerksamkeit zu änderen und neue Sinnkonstruktionen zuzulassen.

Nach Luhmann bedeutet Sinn, vereinfacht gesagt, eine Präferenz unter Möglichkeiten, die für uns handlungsmässig erreichbar und erlebnismässig aktualisiert werden können.
(Vgl.: Luhmann, Soziale Systeme, S. 82 ff)

Folgende Anregungen für eine „sinnvollere“ Pädagogik schlagen die Autoren von „einfach systemisch!“ vor:

  • Die Reduktion der Erwartungshaltung und eine Haltung der Neugier.
  • Statt in Kategorien wie „richtig und falsch“ lieber „besser und schlechter“ zu denken.
  • Eine zukunftsgerichtete positive, ressourcenoptimierte Haltung einnehmen.
  • Freiraum geben für Suchprozesse und Experimente und dabei eine fehlertolerante Kultur fördern.

Die wichtige Unterschiedung von optimierendem Lernen und Fehlerlernen erklärt hier Professor Peter Kruse:

Den Freiraum für selbstorganisertes Lernen zu gewähren setzt Mut voraus Unvorhergesehenes zuzulassen. Wie ich schon im Artikel „Hypothesen“ und „Komplexreduktion durch Handlung“ dargelegt habe, wird in „Einfach systemisch!“ auf den Punkt gebracht: „Ich muss wirksam handeln ohne zu wissen, was mein Handeln auslöst.“ (S.48)

Komplexitätsreduktion durch Handlung

Nach Heinz von Foerster sind die kognitiven Prozesse zirkulär organisiert:

Die vom Motorium erzeugten Änderungen im Sensorium sind wiederum für Veränderungen im Motorium verantwortlich. Die menschliche Handlungsfreiheit bekommt aus dieser Perspektive eine neue, stärkere Bedeutung. Keine Erkenntnis kommt allein durch Perzeptionen, denn diese sind immer von Aktionsschemata begleitet. Erkenntnis entspringt also aus Tätigkeit.
[Vgl.: Heinz von Foerster: Entdecken oder Erfinden, in: Einführung in den Knstruktivismus, München 2005, S.68-70]

Wie auch in Einfach systemisch!  beschrieben müssen wir uns mit der Komplexität und der Ambivalenz in sozialen Systemen abfinden. Wie im letzten Eintrag erwähnt können Hypothesenbildungen helfen die Komplexität zu reduzieren und mit Ambi- oder Multivalenzen umzugehen. In vielen Situationen nützen uns nur die noch so klugen Hypothesen nichts, weil sie nicht in unserem Handlungsbereich liegen. Anstatt die Entscheidungen anderen zu überlassen und auf ein übergeordnetes Makrosystem zu verweisen, wie in unserem Fall das verkehrte Bildungssystem oder gleich die verkommenen Gesellschaft an sich, sollte man sich fragen: „Was kann Ich tun? Wo habe ich Veränderungsmöglichkeiten, aus meiner Kompetenz, meinem Aufgabengebiet, meinen Erfahrungen, meiner Rolle, meinem Verantwortungsbereich?“ (S. 27) Durch Handlung wird Komlexität verringert, man muss sich für eine Richtung entscheiden und mit den Konsequenzen leben. Die Handlung kann ein Problem in eine neue Richtung lenken, mit der man vorher gar nicht gerechnet hatte. Handlung bedeutet auch Verantwortung zu übernehmen und eine Rolle im System zu übernehmen, die wir als Beobachter vermeintlich nicht inne hatten.
Je nach dem wie wir unsere Welt konstruieren, handeln wir auch zum Nachteil unseres sozialen Systems. Wichtig dabei ist der Fokus auf die Stärken der Gruppenteilnehmer zu legen, auch unsere eigenen. Selbst wenn unser Handeln von Respekt und Wertschätzung geprägt ist können wir nicht davon ausgehen es immer richtig zu machen. Eine Komplexitätserweiterung ist in diesem Fall unumgänglich.
Unser Handeln ist vermutlich immer auf ein Ziel gerichtet. Welches Ziel ist jedoch nicht immer zu erkennen, da es oft auch nicht bewusst ist. Diese Ohnmacht können wir akzeptieren und trotzdem handeln. In Extremsituationen sind wir gezwungen intuitiv zu handeln und liegen dabei oft genau richtig.

Die Maxime Heinz von Foerster lautet: Willst du erkennen, lerne zu handeln. Der Zen Buddhist würde das als Tun im Nicht-Tun beschreiben.

Hypothesen

Bei Beschreibungen von Beziehungen können nur dialogisch Bedeutung geschaffen werden (Siehe letzter und vorletzter Blogeintrag). Beobachten wir Beziehungen monologisch (Was?) kommt unserer Beschreibung eine Eigenschaft zu. Systemisch wird versucht Verhaltensweisen (Wie?) in Zusammenhängen durch eine Perspektivenänderung zu erkennen. Statt einem Monolog kann ein Dialog in Form einer realen Kommunikation das vermeintliche Problem schon entschärfen.

Bedeutung entsteht nicht aus einem bloss objektiven Zeigen, sondern aus intersubjektiven Strukturen, auf die man nicht zeigen kann. (Wilber, S. 167) In der sozialen Praxis mit Menschen haben wir es nicht mit beobachtbaren Gegenständen, sondern mit Individuen zu tun, die unterschiedliche Gefühle, Vorstellungen und Interessen haben.

Verschiedene Hypothesen zu einem komplexen Problem zu bilden, wie dies in „einfach systemisch!“ (S. 22-24) vorgeschlagen wird, scheint mir ein viabler Ansatz zu sein um in einer vernetzten Wirklichkeit Lösungsansätze zu finden. Am besten tauscht man sich mit anderen Eingeweihten aus, die jedoch keineswegs vom Fach sein müssen. Gerade die Einnahme einer anderen Perspektive kann fruchtbar wirken.

Eine einzige allgemein gültige Ursache in Bezug auf soziale Systeme erkennen zu wollen ist nicht nur schwer nachzuvollziehen sondern kommt einer totalitären Sichtweise gleich. Keine Ursache zuschreiben zu wollen, kommt einer Teilnahmelosigkeit, einer Apathie gleich. Glücklicherweise sind uns oft mehrere Ansätze zum Handeln  bewusst. Gerade Handeln kann verhindert werden, weil man ja weder die eine noch die andere Wahl wirklich bevorzugt, die Konsequenzen nicht kennt, sondern nur abzuschätzen versuchen kann. Ambivalenz in einer Gruppensituation anzuerkennen ist das eine, es bei sich selbst zuzulassen braucht Vertrauen. Die Ungewissheit, Verwirrtheit zuzulassen die eine innere Veränderung benötigt (einfach systemisch!, S. 13) die unbewusst abläuft, erst recht zu Handeln ohne vermeintlich erkannt zu haben erfodert meiner Meinung nach Mut und Glauben.

Handle immer so, als würde die Erlösung des Universums von deiner Handlung abhängen. Und lache dabei immer über dich selbst, dass du glaubst, du könntest überhaupt etwas mit deinem Tun bewirken.“ (Buddhistische Weisheit)

[Ken Wilber, Naturwissenschaft und Religion, Frankfurt a.M. 2010]

[Weiterführend: Komplexiditätsreduktion durch Handlung und Systemisch lernen]