Informationen für die Mehrheit



Im vorletzten Beitrag habe ich den Nutzten des Internets zur Förderung des Demokratisierungsprozesses kurz angerissen. Kann eine erhöhte Partizipation und die freie Meinungsäusserung im Netz zur egalitäreren Mitsprache- und Machtverteilung führen? Ob die Mehrheit durch demokratische Entscheide auch für richtig befindet was für alle von Vorteil sein soll, ist eine heikle Frage. Die Illusion der Moderne, dass dank technischem Fortschritt die Welt von selbst besser wird, wurde in den letzten Jahrzehnten immer deutllicher entzaubert. Nur dank eines neuen Kommunikationsmediums können die Probleme unserer Zeit nicht gelöst werden. Denn nicht das Werkzeug übernimmt die Verantwortung und das Engagement um Veränderungen einzuleiten.

Schüler sollten zu kritischem Denken und veranwortungsvollem Handeln angeregt werden. Auch feste Gewohnheiten sollten hinterfragt werden dürfen. Dafür eignet sich die Plattform des World Wide Web doch sehr vorzüglich. In Facebook-groups können beispielsweise Aktionen, Demonstrationen und Boykotte ausgerufen werden. Doch wie in fast allen öffentlichen Räumen haben die kommerziellen Anbieter auch in dem, zumeist persönlich genutzten, Kommunikationsraum der Community Sites die Möglichkeiten der Werbung für sich entdeckt. (Wer am meisten Freunde postet, bekommt ein Geschenk, und die Firma bekommt die Kontaktdaten!)

„Unsere Gesellschaft hat die Technik entwickelt, Verantwortung so zu verteilen, dass niemand sie sieht.“ (Weizenbaum, Joseph, Computermacht und Gesellschaft, Frankfurt 2001)

Die Lösung für die weltweiten Probleme kann nicht das Internet und auch nicht die Informationsgesellschaft sein. Die Problemlösung liegt ja nicht darin, dass uns die Informationen fehlen. Die Frage ist, ob durch vernetztere Kommunikation mehr erreicht werden kann. Dafür muss man sich erstens verstehen und zweitens die Empfänger erreichen, die etwas bewirken können und wollen.

Die Flaschenpost: „Ein sehr demokratisches Medium. Jeder kann eine Flasche nehmen, eine Botschaft hineinstecken, und sie ins Meer werfen. Die Frage ist nur, wer sie liest. Also die Möglichkeit, dass jeder etwas ins Internet reinschreiben kann, bedeutet nicht sehr viel. Das willkürliche Hineinwerfen bringt genauso wenig wie das willkürliche Fischen.“(Weizenbaum, 2001)

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One response to this post.

  1. Hallo Simon,

    Dein Beitrag hat sich bei mir gerade mit der Lektüre von Reichs „Konstruktivistischer Didaktik“ überschnitten. In Kapitel 2.2. über die Ansprüche an eine postmoderne Didaktik beschreibt Reich, dass Information im Vergleich zu einer Didaktik der Moderne an Bedeutung verliert. Dies nicht nur wegen der kurzen Halbwertszeit von Wissen, sondern auch aufgrund einer „Zunahme von widersprüchlichen, unsicheren Wegen des Forschens und von einem Zugeständnis stets unvollkommener, unzulänglicher, nie vollständiger Forschungsergebnisse, von einer begrenzten Aussage- und Voraussagekraft der Wissenschaften“. Unter diesen Voraussetzungen scheint sich eine beziehungsorientierte Didaktik geradezu aufzudrängen. Da die Hoffnung auf eine pur rationale Wissenschaft, die objektive Information garantiert, nicht erfüllt wird, kommt dem Absender einer Information wieder grössere Bedeutung zu. Wer bestimmt eigentlich, was wertvolles Wissen ist (wertvoll im Sinne von dauerhaftig)? Während die Moderne auf die Meinung von „Experten“ vertraute, werden in der Postmoderne Interaktionen kritisch hinterfragt, „um Machtansprüche zu klären, Interessen offen zu legen und Einseitigkeiten zu problematisieren“. Lösungen für Probleme werden von bestimmten Verständigungsgemeinschaften zwar nach wie vor gefunden und auch umgesetzt. Es muss jedoch davon ausgegangen werden, dass dies bloss EINE (von mehreren ) möglichen Lösungen ist, vielleicht die günstigste, aber sicher nur auf eine gewisse Zeit.
    Vielleicht muss man die Person, die etwas erreichen kann (z.B. den Experten) heute eben nicht mehr direkt erreichen. Die Meinung von Experten wird heute im Internet sehr schnell zerpflückt, teilweise gar nicht mal ohne Erfolg….

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