Archive for Dezember 2009

Informationen für die Mehrheit



Im vorletzten Beitrag habe ich den Nutzten des Internets zur Förderung des Demokratisierungsprozesses kurz angerissen. Kann eine erhöhte Partizipation und die freie Meinungsäusserung im Netz zur egalitäreren Mitsprache- und Machtverteilung führen? Ob die Mehrheit durch demokratische Entscheide auch für richtig befindet was für alle von Vorteil sein soll, ist eine heikle Frage. Die Illusion der Moderne, dass dank technischem Fortschritt die Welt von selbst besser wird, wurde in den letzten Jahrzehnten immer deutllicher entzaubert. Nur dank eines neuen Kommunikationsmediums können die Probleme unserer Zeit nicht gelöst werden. Denn nicht das Werkzeug übernimmt die Verantwortung und das Engagement um Veränderungen einzuleiten.

Schüler sollten zu kritischem Denken und veranwortungsvollem Handeln angeregt werden. Auch feste Gewohnheiten sollten hinterfragt werden dürfen. Dafür eignet sich die Plattform des World Wide Web doch sehr vorzüglich. In Facebook-groups können beispielsweise Aktionen, Demonstrationen und Boykotte ausgerufen werden. Doch wie in fast allen öffentlichen Räumen haben die kommerziellen Anbieter auch in dem, zumeist persönlich genutzten, Kommunikationsraum der Community Sites die Möglichkeiten der Werbung für sich entdeckt. (Wer am meisten Freunde postet, bekommt ein Geschenk, und die Firma bekommt die Kontaktdaten!)

„Unsere Gesellschaft hat die Technik entwickelt, Verantwortung so zu verteilen, dass niemand sie sieht.“ (Weizenbaum, Joseph, Computermacht und Gesellschaft, Frankfurt 2001)

Die Lösung für die weltweiten Probleme kann nicht das Internet und auch nicht die Informationsgesellschaft sein. Die Problemlösung liegt ja nicht darin, dass uns die Informationen fehlen. Die Frage ist, ob durch vernetztere Kommunikation mehr erreicht werden kann. Dafür muss man sich erstens verstehen und zweitens die Empfänger erreichen, die etwas bewirken können und wollen.

Die Flaschenpost: „Ein sehr demokratisches Medium. Jeder kann eine Flasche nehmen, eine Botschaft hineinstecken, und sie ins Meer werfen. Die Frage ist nur, wer sie liest. Also die Möglichkeit, dass jeder etwas ins Internet reinschreiben kann, bedeutet nicht sehr viel. Das willkürliche Hineinwerfen bringt genauso wenig wie das willkürliche Fischen.“(Weizenbaum, 2001)

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Information-Kommunikation

Dass Information interpretiert werden muss, um mit dieser etwas anfangen zu können, habe ich schon im letzten Beitrag behauptet. Die Anregungen zu diesem Beitrag erhielt ich von Joseph Weizenbaum aus seinem Buch „Computermacht und Gesellschaft“. In den gesammelten freien Reden des Autors spricht einer der Wegbereiter des Internets und Pionier der Computergeschichte gesellschaftskritische Töne an, warnt vor Überschätzung und ruft zur Verantwortung auf.

Die Bedeutung einer Mitteilung für den Empfänger hängt von seinem Erwartungszustand ab. Die Mitteilung erhalte ich durch Signale, auf die meine Sinne ansprechen müssen. Diese Signale werden durch Medien wie Sprache, Bilder, Schrift- oder Zeichensymbole vermittelt, die ich erst durch eine Interpretation zu Informationen verwandeln kann.

Stelle ich Information in Form von Signalen zur Verfügung muss auch ich erwarten, dass der Empfänger sie in meinem Sinne versteht. Das setzt zumindest einen ähnlichen kulturellen Hintergrund voraus. Was die Vorstellung vom globalen Dorf relativiert, vor allem wenn man auch bedenkt wie viele Menschen Zugang zum Netz haben. Der Computer kann die kulturellen Aspekte einer Gesellschaft nicht berücksichtigen. Die Maschine kümmert sich im binären System um 0 oder I. Die ausgefeiltesten Algorithmen versuchen Informationen an Interpretationsmöglichkeiten zuzuordnen. Dabei kümmert sich das Programm aber auch nur um die Datenströme. Die Interpretation von Information liegt somit immer beim Nutzer.

Beim Kommunizieren muss ich hoffen, dass der Informationsempfänger meine Aussage angemessen interpretiert. Dies bedeutet er muss im Nachhinein die gleiche Interpretation vollziehen wie ich im Voraus. Bei einfachen Mitteilungen kann das funktionieren, der Informationsgehalt stellt sich aber erst bei kompexeren Fragestellungen (Der Soziologe Baudrillard glaubt daher, dass eine Kommunikation nicht möglich ist). Gerade in der Wissenschaft werden allzu spezialisierte Fachinformationen veröffentlicht, die nur einem sehr engen Zuhörerkreis zugänglich sind. Kommunikation ohne unterstützende Zeichen ist daher oft stark referenziell. (Dies lässt sich schön in Foren beobachten, wo viel Text aufgrund von Missverständnissen produziert wird).

Auf den schulischen Allag übertragen ist es daher eine wichtige Aufgabe seitens des Lehrenden Fachinhalte zu vereinfachen und verständlicher zu formulieren ohne dabei den Inhalt zu trivialisieren. Eine Face-to-face- Kommunikation erleichtert den Zugang zu „Lern-content“.

Andere Kommunikationswege bestreiten: pbblogphtg und prof. kerres.

Massenmedium Internet

Die Informationsgesellschaft beschafft sich ihre Informationen heute vor allem aus dem Internet. Das Internet ist zweifellos zu einem Massenmedium geworden. Und wie bei jedem neuen Massenmedium, von den ersten Druckerzeugnissen über das Radio hin zum Fernsehen, wurde angenommen es würde die Bildung der Allgemeinheit fördern und somit der Demokratisierung dienen. Für die grosse Mehrheit der Medienangebote im Netz trifft das eher nicht zu. Sie dienen primär der Unterhaltung- der Bildungsgehalt ist gleich Null. Das trifft mitunter auch auf das Internet zu. Die Anbieter reagieren im freiesten aller Märkte auf die Nachfrage der Nutzer.

(Nutzer und Anbieter werden auch massiv eingeschränkt: Monopol, bei Johannes‘ Blog)

Die meistgesuchtesten Begriffe Deutschlands seht ihr hier.

Auch bei den hochgepriesenen Möglichkeiten des Web 2.0 sind die derzeit beliebtesten Aktivitäten die Selbstinszenierung durch Nonsense-Statusmeldungen bei Community-Sites und der Austausch schräger Youtube-Videos. Auch in den verschiedensten Chatrooms und Newsgroups wird unglaublich viel Unsinn geschrieben. Aber natürlich gibt es in jedem Misthaufen auch ein paar Perlen zu finden.

Das wichtigste Hilfsmittel um im Internet an kohärente Informationen zu gelangen ist die Suchmaschine. Wie schon in meinem letzten Kommentar kurz beschrieben, sind wir aber bei der Auswahl an eine Vorentscheidung einer kommerziellen Interessen folgenden „Informationsindustrie“ ausgeliefert. Das Problem mit der Informationsbeschaffung beginnt aber schon bevor ich einen Suchbegriff eintippe.

Informationen nützten nichts ohne eine Interpretation. Um der Suchmaschine nicht allein die Interpretation der Information zu überlassen, benötigt man eine bestimmte Methodenkompetenz. Ich sollte ziemlich genau wissen was ich finden möchte. Dafür muss ich gewisse Vorkenntnisse zu einem Thema mitbringen um auch eine Frage formulieren zu können. Mit der Eingabe eines zu offen formulierten Suchwortes und dem folgenden willkürlichen Surfen werde ich mich eher unterhalten, als zu treffenden Informationsquellen gelangen.

Die Vermittlung von Kompetenzen durch Wissen und Methoden für einen kritischen Umgang mit den neuen wie auch mit den älteren Medien kann ein wichtiger Bestandteil im Fach Geschichte darstellen. Kritische Quellenarbeit bildet eine Grundlage dieser Disziplin. Eine Heranführung an Themen, die Widersprüche von scheinbaren Fakten erkennen lassen, kann durch ein Webquest für Lernende eine bereichernde Erfahrung sein. Bei einer Recherchearbeit zu einem kontroversen Thema sollte man als Lehrperson fordern, dass bei der Suche auf Wikipedia die Diskussion berücksichtigt wird.

Informationsauswahl

Neues zu erschaffen ist eine der zentralen Forderungen der konstruktivistischen Didaktik. Durch Kreativität und den Mut zum Handeln kann eine eventuell entstandene Apathie durchbrochen werden, die aus einer Überforderung durch die Medienvielfalt entstehen kann (Siehe letzter Beitrag). Hierbei eignen sich die Möglichkeiten des Internets in vielfältiger Weise. Arbeitsaufträge können, mit multimedialen Elementen durchsetzt, digital auf einem Wiki oder einer eigenen Seite präsentiert werden. Die Lernenden können Filme drehen und eigene Podcasts erstellen. Neben der Vertiefung des Wissens werden hierbei auch wichtige Methoden- und Medienkompetenzen angeeignet. Die technische Umsetzung erfordert jedoch auch bei hoher Fertigkeit im Umgang mit den elektronischen Medien viel Zeit und kann daher in den normalen Präsenzunterricht nur schwer integriert werden. Grundsätzlich halte ich es für sinnvoller die Lernenden im Rahmen des e-learnings eigene Inhalte erschaffen zu lassen als ihnen etwas Fertiges in einer zeitgemässeren Form vorzusetzten.

Dazu mehr bei iktsl-Blog und Reto’s Blog.

Soll etwas produziert werden das einen Didaktischen Wert haben soll, spielt die Form keine grosse Rolle, muss aber mit sinnvollem Inhalt gefüllt werden. (Radikale Konstruktivisten würden das vielleicht wieder in Frage stellen; Vergleiche: Copypaste und radikaler Konstruktivismus). Es liegt heute nahe sich die Informationen aus dem Netz zu beschaffen. Dort ist man allerdings oft der Wahrheit der Mehrheit ausgeliefert.
Frank Schirrmacher will vor dieser Gefahr in seinem neuesten Buch warnen: Payback – Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun was wir nicht wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen. In einem Interview mit dem Tagesanzeiger sagt er:
„Urteil heisst immer Mehrheitsmeinung und Konsens – und das findet sich dann auch im Netz. Und wenn ich dann herausfiltere, dass es gut ist, dann wird es auch gut sein.“ Das heisst, das uns bestimmte Vorentscheidung abgenommen.werden.  Algorithmen rechnen für uns aus was für Informationen für uns am viabelsten sind. Dahinter steckt jedoch ein von kapitalistischen Kräften gesteuertes System (Wobei eine kommerzielle Suchmaschine einen Marktanteil von über 80% besitzt). Nutzer werden als Konsumenten betrachtet. Die partizipierenden Möglichkeiten des Web 2.0 liefern den Unternehmen noch präzisere Informationen über den User. Weil die Menschen sich in ihrem Verhalten ähnlich sind, wird versucht mögliche Assoziationen vorauszuberechnen. „Sie können dann nicht mehr sagen, wer letzten Endes das Subjekt oder die  handelde Person ist.“
Die Antworten der Netcommunity auf den in deutschsprachigen Medien zurzeit omnipräsenten Schirrmacher kann man zum Beispiel bei dem populären Blog Spreeblick einsehen.