Träges Wissen

Sowohl die zukünftigen Schüler als auch die angehende Lehrperson sind Teilnehmer der Informationsgesellschaft. Immer mehr sind wir gezwungen uns schneller neues Wissen anzueignen und Altes zu dekonstruieren. Die Gebildeten und Privilegierten können sich eher noch aussuchen welches Wissen für sie relevant ist, und somit ihrer Zukunft dienlich. Schüler jedoch müssen sich auch Wissen aneignen, das sie eventuell nicht für sinnvoll halten, um einen Schulabschluss machen zu können. Ob selbst- oder fremdbestimmt, wir müssen täglich eine Flut von Informationen verarbeiten. Mit welchen Sinnen diese Informationen auch aufgenommen werden, wenn sie nicht weiter verarbeitet oder nur ins Kurzzeitgedächnis gehämmert werden, bleibt es bei „trägem Wissen“ (Gerstenmaier & Mandl, 1995). Nach konstruktivistischer Annahme zeichnet sich träges Wissen dadurch aus, dass es nicht auf praktische Probleme übertragen werden kann. (Renkl, 1996)

Ich kann mein träges Wissen umwandeln in dem ich es Anderen vortrage. Eine Präsentation von frisch angeeignetem Wissen bedeutet, zumindest für einigermassen selbstkritische Menschen, eine Hemmschwelle. Das Wissen wird daher, ganz im konstruktivistischen Sinn, auf ein Problem angewendet. In einer Umgebung ausserhalb einer Bildungsinstitution kann sich eine Wissenspräsentation jedoch als schwierig gestalten, da ein Vortrag nicht ohne ein zugeneigtes (oder zumindest anwesendes) Publikum stattfinden kann. Der Weblog bietet sich daher für die persönliche Wissensverarbeitung geradezu idealtypisch an. Wenn mein Beitrag dazu noch interessant und anregend ist, kann ich mit etwas Glück (man muss im Web ja auch gefunden werden) noch mit einem Kommentar rechnen.

Wenn ich effizient lernen möchte, muss also die Motivation zur Vertiefung von Wissen vorhanden sein. Wer möchte schon nicht klüger sein? Die Volation für ein vertieftes Lernen stelle ich hingegen in Frage. Ohne Aussicht auf eine Art von Belohnung, die nicht in kürzester Zeit in Form eines Feedbacks erbracht wird, zweifle ich schnell an einem vorhandenen Publikum und damit auch an meinem Projekt. Kann der Prozess des selbstgesteuerten Lernens in Form eines Lerntagebuchs in Gang gesetzt und auch aufrecht erhalten werden ganz ohne Druck und Förderung von Aussen?

Die Konfrontation mit einem sehr hohen Grad an Eigenverantwortung, die aus der Forderung nach selbstreguliertem Lernen hervorgeht, sollte unbedingt gefördert werden, stellt aber einen hohen Anspruch an die Lernenden dar. Da idealerweise eine intrinsische Motivation zu Grunde liegen soll, muss ein hoher Grad an Interesse geweckt werden. Ob dies auch für jedes Fach gelingt, das ein Schüler besuchen muss, ist eine schöne Idealvorstellung, aber illusorisch.

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3 responses to this post.

  1. Posted by Reto Bader on November 23, 2009 at 4:26 pm

    „Träges Wissen“ ist ein ausgezeichnetes Stichwort, das eine Reflexion über konstruktivistisches und objektivistisches Lernen anregt. Einer meiner ersten Chemie-Professoren an der Uni hat seine Vorstellung darüber, wie wissenschaftliches Arbeiten idealerweise vorzugehen hat, etwa so zusammengefasst: Eine Frage wird in Form einer Hypothese formuliert, die experimentell getestet werden kann. Die experimentellen Resultate führen dazu, eine Theorie zu erstellen oder eine bestehende Theorie zu modifizieren. Dies führt dazu, dass neue Fragen formuliert werden, und das ganze beginnt von vorne. Man könnte sich also bei der Wissensgenerierung eine wiederkehrende Abfolge von konstruktiven und objektivierenden Phasen vorstellen. Ist denn am Schluss die Theorie mehr als die Summe der experimentellen Erkenntnisse? Möglicherweise nicht. Es ist aber mit Sicherheit eine sehr effiziente Weise, Wissen weiterzugeben. Gerade diese Effizienz scheint nun die Gefahr zu bergen, dass das Wissen träge bleibt und sich nicht schöpferisch entfalten kann. Die richtige Balance zwischen Instruktion auf Lehrerseite und
    Konstruktion auf Lernerseite zu finden, dürfte eine nicht zu unterschätzende Herausforderung für jede Lehrperson sein. Es ist mir noch nicht ganz klar, wie genau multimediale Technik diesen Spagat erleichtern wird.

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  2. […] Wie viele andere auch, nutze ich die Möglichkeiten des Internets täglich und schon seit längerem. Durch den IKT-Kurs habe ich eine ganze Menge von zusätzlich nützlichen Anwendungen kennengelernt. Ein Surfen ohne mein PLE kann ich mir kaum mehr vorstellen. Die Möglichkeiten eines Wikis werde ich bestimmt in meinen zukünftigen Unterricht einbauen. Dem LMS und dem E-Assessment stehe ich allerdings noch etwas kritisch gegenüber. Die interaktiven Möglichkeiten scheinen mir einen Schritt zu weit zu gehen. Permanent über alle möglichen Kanäle mit anderen Personen in Kontakt zu stehen, hält mich mehr von der Arbeit ab, als dass ich durch den Austausch von Informationen profitieren würde. Zu Beginn eines Lernprozesses bin ich doch meist dazu genötigt einen Text in Ruhe zu lesen um ihn zu verstehen. Siehe hierzu auch die Einträge: E-Learning als Chance, Träges Lernen, Träges Wissen […]

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  3. […] mehr in den Beiträgen: Träges Lernen, Träges Wissen und […]

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