Archive for November 2009

Träges Lernen

Als Lehrperson kann ich versuchen das träge Wissen zu transformieren und problemorientiertes Lernen zu fördern. Durch eine Selektion von Inhalten kann der Wissenserwerb zusätzlich konzentriert und durch einen Perspektivenwechsel bei der Problemlösung können zusätzliche Impulse durch die Lehrperson erfolgen. Ein weitgehend selbstgesteuerter Lernprozess kann in diesem Punkt mit den Social-Software-Systemen des Web 2.0 (z.Bsp. Wiki, Weblog) konstruktiv in Gang gesetzt werden.

Die Situationsgebundenheit des Lernens spielt in der konstruktivistischen Didaktik eine zentrale Rolle. Lernen ist vor allem ein sozialer Prozess. Durch Interaktion und Kommunikation werden Beziehungen und eine zwischenmenschliche Atmosphäre geschaffen, die den Rahmen der Förderung und Forderung bildet (Reich, 2008). Im realen Klassenzimmer kann die Lehrperson versuchen diesen Rahmen mitgestalten. Im virtuellen Klassenraum ist dies nur beschränkt möglich.

Lernen sollte eine aktive Wissenskonstruktion sein. Der dargebotene Lerninhalt gewinnt erst durch die aktive Konstruktion und Interpretation durch den Lernenden an Bedeutung. Vorwissen, Einstellung und Erfahrung sind für die Zuweisung von Bedeutung die Voraussetzung. Eine entscheidende Rolle zum erfolgreichen Lernen kommt vor allem der Motivation zu.

Dem Lernenden soll die Freiheit gegeben werden motiviert und selbstgesteuert zu lernen. Das ist eine hohe Anforderung an die Lernenden, vor allem wenn es darum geht das bereits erworbene Wissen selbstständig zu vertiefen.

Die Gewohnheiten der Postmoderne kommen den Lernenden dabei nicht unbedingt entgegen. In einer Zeit der jederzeit verfügbaren Konsummöglichkeiten und der Omnipräsenz von Unterhaltungsangeboten, kann die Freiheit der Wahl auch schnell zu einer Überforderung führen. Die Fülle an Informationen für kleinste Teilgebiete des Wissens erfordern eine Einschränkung in der persönlichen Auswahl. Mit der Freiheit der Wahlmöglichkeit geht gleichzeitig der Ausschluss opportuner Alternativen einher. Einerseits im Interessenbereich des Wissenserwerbs selbst, vor allem aber durch das Unterhaltungs- und Kommunikationsangebot der modernen Medien. Inwieweit die Konzentration auf den Wissenserwerb im und durch das Internet und durch die zahlreichen Freizeitmöglichkeiten erschwert wird, macht dieses Video von der Universität Kansas deutlich:

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Träges Wissen

Sowohl die zukünftigen Schüler als auch die angehende Lehrperson sind Teilnehmer der Informationsgesellschaft. Immer mehr sind wir gezwungen uns schneller neues Wissen anzueignen und Altes zu dekonstruieren. Die Gebildeten und Privilegierten können sich eher noch aussuchen welches Wissen für sie relevant ist, und somit ihrer Zukunft dienlich. Schüler jedoch müssen sich auch Wissen aneignen, das sie eventuell nicht für sinnvoll halten, um einen Schulabschluss machen zu können. Ob selbst- oder fremdbestimmt, wir müssen täglich eine Flut von Informationen verarbeiten. Mit welchen Sinnen diese Informationen auch aufgenommen werden, wenn sie nicht weiter verarbeitet oder nur ins Kurzzeitgedächnis gehämmert werden, bleibt es bei „trägem Wissen“ (Gerstenmaier & Mandl, 1995). Nach konstruktivistischer Annahme zeichnet sich träges Wissen dadurch aus, dass es nicht auf praktische Probleme übertragen werden kann. (Renkl, 1996)

Ich kann mein träges Wissen umwandeln in dem ich es Anderen vortrage. Eine Präsentation von frisch angeeignetem Wissen bedeutet, zumindest für einigermassen selbstkritische Menschen, eine Hemmschwelle. Das Wissen wird daher, ganz im konstruktivistischen Sinn, auf ein Problem angewendet. In einer Umgebung ausserhalb einer Bildungsinstitution kann sich eine Wissenspräsentation jedoch als schwierig gestalten, da ein Vortrag nicht ohne ein zugeneigtes (oder zumindest anwesendes) Publikum stattfinden kann. Der Weblog bietet sich daher für die persönliche Wissensverarbeitung geradezu idealtypisch an. Wenn mein Beitrag dazu noch interessant und anregend ist, kann ich mit etwas Glück (man muss im Web ja auch gefunden werden) noch mit einem Kommentar rechnen.

Wenn ich effizient lernen möchte, muss also die Motivation zur Vertiefung von Wissen vorhanden sein. Wer möchte schon nicht klüger sein? Die Volation für ein vertieftes Lernen stelle ich hingegen in Frage. Ohne Aussicht auf eine Art von Belohnung, die nicht in kürzester Zeit in Form eines Feedbacks erbracht wird, zweifle ich schnell an einem vorhandenen Publikum und damit auch an meinem Projekt. Kann der Prozess des selbstgesteuerten Lernens in Form eines Lerntagebuchs in Gang gesetzt und auch aufrecht erhalten werden ganz ohne Druck und Förderung von Aussen?

Die Konfrontation mit einem sehr hohen Grad an Eigenverantwortung, die aus der Forderung nach selbstreguliertem Lernen hervorgeht, sollte unbedingt gefördert werden, stellt aber einen hohen Anspruch an die Lernenden dar. Da idealerweise eine intrinsische Motivation zu Grunde liegen soll, muss ein hoher Grad an Interesse geweckt werden. Ob dies auch für jedes Fach gelingt, das ein Schüler besuchen muss, ist eine schöne Idealvorstellung, aber illusorisch.

Web 2.0 Grenzverschiebungen

In meinem Kommentar zum Web 2.0 bei Moodle habe ich einige theoretische Überlegungen zu den Grenzverschiebungen im Web 2.0 dargelegt.
Die Anregungen dazu stammen aus einem Aufsatz von Michael Kerres, Potenziale von Web 2.0 nutzen ( PDF). (Siehe auch den Blog von Prof. Kerres)
Ich möchte seinen Gedanken hier noch ein wenig mehr Platz einräumen.

Während die Grenzaufhebung des Ortes auch schon mit dem Web 1.0 möglich war, kommen mit der Grenzauflösung zwischen Autor und Nutzer und des schleichenden Verschwindes der Trennlinie zwischen privatem und öffentlichem Raum ganz neue Dimensionen des Informationsaustausches und des Wissensaufbaus auf uns zu.

Für den Bildungskontext bedeutete die Raumtrennung, das bisher zumindest Prüfungen in einem geschlossenen Raum (real oder virtuell) vollzogen werden. Mit den neuen didaktischen Konzepten und den kooperativen und kolaborativen Möglichkeiten des Web 2.0 wird das Konzept des Prüfens relativiert. Das summative Prüfen spielt, wenn überhaupt noch, eine eher untergeordnete Rolle.

Der gesamte Lernprozess wird zur Performanz.

In der interaktiven Lernumgebung entwickle ich ein Projekt, während ich mich mit Anderen in einem Forum austausche und in einem Weblog den Progress reflektiere. Der ganze Prozess geschieht öffentlich, sofern sich dieser nicht in einem geschützten Raum eines Learning Management Systems abspielt.  Auch die Evaluation durch die Lehrperson kann über diesen -jedermann zugänglichen- Weg erfolgen. Die Rollenverteilung ist von Anwendern ausserhalb des engeren Lernzirkels jedoch nicht unbedingt ersichtlich. Die Lehrperson muss sich unter Umständen also auch fundierte Kritik von sonst jemandem gefallen lassen.
Die Aufgabe der Lehrperson besteht meiner Meinung nach auch nicht darin einen möglichst grossen Wissensabstand zu markieren, sondern Wegweiser, Hilfe und Anregungen anzubieten.

Das Wissen der Lernenden wird  konstruktivistisch selbst erarbeitet. Bewertet wird der Weg und der Aufwand den der Schüler auf sich genommen hat. Was schlussendlich an Faktenwissen hängen geblieben ist, bleibt hier weitestgehend ausgeklammert.

Dazu mehr in den Beiträgen: Träges Lernen, Träges Wissen und Informationsauswahl.

Michael Kerres fragt sich zurecht ob für diese Art von Unterricht eine geschützte Lernplattform das richtige ist. Entgegen den Möglichkeiten des Web 2.0 bleibt sie eine Insel mit wenigen Inhalten, die von einem Autor gepflegt wird. Was nützt es wenn eine Moodle-Plattform mit Web 2.0 Tools ausgestattet ist, wenn einem ja das ganze Internet zur Verfügung steht?

Was mir zum Beispiel bei Moodle nicht gelungen ist:00005360