Systemisch leiten

In der Schule steht man leider vor der paradoxen Aufgabe ein selbstgesteuertes System zu leiten, obwohl einseitige Beeinflussung nicht möglich ist. [Siehe auch triviale Systeme]. Selbstverständlich braucht eine „Gruppe eine Leiterin, auf die sie ihre positiven Erwartungen bündeln und projizieren kann.“ (S. 84) Das wäre im Falle einer Gruppe von Schülerinnen die alle Lernen wollen wahrscheinlich die Lehrperson. Diese steht ja schon während des Unterricht vor der Klasse und kann diese Funktion übernehmen. Eine Klasse Gleichaltriger hat aber eine ganz eigene Dynamik und muss sich jede Stunde mit einer anderen Führung abfinden. Die Autoren von einfach systemisch sehen das ja doch auch so: „Auch die institutionalisierte Leitungsfunktion ist eine Aussenseiterposition.“(S. 103) Dies ist zwar hart, gilt es aber zu berücksichtigen und ist einfach umzusetzten indem man allparteilich handelt. Am besten nutzt man die „Vier Energien der Führung“ um sich selbst einzuschätzen, sich seinen Ressourcen klar zu werden und die Führung als Aussenseiter, der nicht direkt in ein System einwirken kann, durchzusetzen.
[Führungskompetenz lernen in der Sapphir Academy!]

Dazu passt auch die „Einstellung, die gute Absicht in jeder störenden Handlung zu entdecken und anzuerkennen“ (S. 88) Ein fantastischer Ansatz. Ich bin ja auch für Ressourcenorientierung bei den Lernenden, aber für so eine konsequent positive Einstellung braucht es schon eine sprituelle Erleuchtungserfahrung oder gute Drogen um die Realität wirklich so zu sehen. Dieser Ansatz gefällt mir noch besser als dass Schüler grundsätzlich gerne Lernen wollen. [Mehr dazu bei Mark]

Führen heisst Entscheidungen zu treffen. Mit Pacing (Mitgehen) alleine ist eine Leitung nicht möglich. Um weiterzukommen muss eine Entscheidung gefunden werden, die sozial akzeptiert und fachlich nützlich ist. Die Reihenfolge wird in der Schule jedoch meistens eher umgekehrt sein. Die Partizipation der Lernenden bei der Themenfindung und Leistungsbewertung ist eher untervertreten.
Im letzten Kapitel des Buches werden diese Themen auch aufgenommen und die Probleme mit dem System Schulklasse aufgezeigt. Eine grosse Gruppe erzeugt eine hohe Komplexität. Zudem kennzeichnet die Klasse eine geringe formale Struktur. Die Lehrperson soll die Subsysteme der Klasse erkennen und mit Kooperation und Arbeitsteilung neue Strukturen erschaffen. Die Perle aller Weisheit wird zum Unterrichts-Thema geboten:

„Die Beziehung zwischen Lehrerin und Schülern färbt das Interesse am Thema, wie auch das Interesse am Thema die Beziehung zur Lehrerin färbt – ein zirkulärer Prozess zwischen Inhalt und Beziehung.
[und jetzt nochmal zum mitschreiben:]

  • Je mehr die Lehrerin beliebt ist, desto eher wird die Klasse ihrer Themenwahl zustimmen.
  • Je interessanter das Thema scheint, desto mehr Zustimmung bekommt auch die Lehrerin.“

Einfach systemisch! Auch bei Google Books

Wertorientierung

Die Stärkung der Persönlichkeit, der Kommunikationsfähigkeit und des Sozialverhaltens gelten als die zentralen Forderungen der Arbeitgeber an die Schule. Die Sozialkompetenz fehlt auch in keinem schulischen Leitbild. Wie kann dies praktisch umgesetzt werden?

Wollen wir Sozialkompetenzen fördern müssen wir Wertorientierung bieten. Gruppenarbeit allein reicht nicht. Die Lernenden wie auch die Lehrenden sollten angeregt werden an sich selbst zu arbeiten. Hierzu müssen erst einmal die eigenen Werturteile erkannt, artikuliert und hinterfragt werden. Im Klassenzimmer bedeutet Wertorientierung zuerst einmal den Lernenden mitzuteilen, was für Werte im gegenseitigen Umgang für einen selbst wichtig sind, was für Regeln sich daraus ableiten und wie man sie verfechten und durchsetzten wird. Genauso sollten die SchülerInnen ihre Ansichten von gesellschaftlichen Zusammenleben einbringen und Verbindlichkeiten festlegen können.

Eine deutlich vertretene Werthaltung der Lehrperson als Stellungnahme bei moralischen Fragen kann im Fach Geschichte äusserst produktiv wirken. Bei gewissen Themen entsteht eine kontroverse Diskussion, bei der sich Jugendliche in ihrer Sichtweise entweder bestätigt finden oder sich in ihrem Individuationsprozess von anderen Meinungen abgrenzen können (Beispiel: Soziale Frage, Marxismus). Andere Themen hingegen lassen keinen Spielraum für kontroverse Meinungen (Beispiel: Stalinismus), müssen aber durch die Ausleuchtung der Hintergründe nachvollziehbar gestaltet werden. Die Lernenden können durch die eigene Interpretation von verschiedenen historischen Sichtweisen auch die Fähigkeit erlangen eigene Handlungen zu differenzieren lernen. Ein Predigen von sozialen Werten und Normen läuft gerade bei Jugendlichen ins Leere. Die Konsequenzen von Handlungen müssen selbst erfahren werden. Werte werden kommunikativ ausgehandelt. Verwirklichen können sie sich nur in der gelebten Gemeinschaft. Partner- und Gruppenarbeiten sollten reflektiert werden, Konflikte besprochen werden. Es gibt keine „Werte-Erziehung“ (einfach systemisch, S. 65). Soziales Verhalten muss selbst ausprobiert werden um Aufbau einer möglichst differenzierten inneren Repräsentation zu ermöglichen. [Weiterführend im Beitrag: Systemisch leiten]

Balance

Selbstorganisertes Lernen bedeutet im Kern, den Lernprozess selbst zu planen, zu steuern und zu kontrollieren. Auch wenn die Lerninhalte vorgegeben sind [siehe Erläuterungen im letzten Eintrag] lässt dies einen Spielraum offen den Lernprozess selbstbestimmt mitzugestalten und die Neugierde und das Interesse durch die Form des Unterrichts bei den Lernenden zu fördern.

Um das selbstorganisierte Lernen und die Aneignung von intelligentem Wissen durch einen „Prozess der inneren Umstrukturierung“(„einfach systemisch!, S.52) zu fördern müssen individuelle Zeitanforderungen und persönlich bedeutsame Lerninhalte, die emotional anregend sind, geboten werden. Des weiteren sollten die Arbeitsaufträge eine Herausforderung darstellen und die Sozialkompetenzen der Lernenden fördern. Diesen vier Bedingungeng im Rahmen der Schulstrukturen gerecht zu werden ist nicht einfach aber auch nicht unmöglich. Jedem einzelnen Lernenden auf der Sekundarstufe II gerecht zu werden erscheint mir nicht praktikabel zu sein. Von den persönlich bedeutsamen Inhalten abgesehen, benötigen die einzelnen SchülerInnen mehr oder weniger Zeit und Führung. Ein stabiler Rahmen ist aber unbedingt notwendig. „Selbständigkeit braucht feste Grundregeln“(S.53). Die einen Lernenden benötigen engere die anderen offenere Grenzen. Sich in diesen Grenzen selbst erfahren wollen so ziemlich alle, insbesondere Pubertierende.

Das wichtigste Instrument um die Unterrichts- und Kommunikationsformen der Gruppendynamik der Klasse anzupassen ist die Empathie der Lehrperson. Mit der Methode Frontalunterricht (oder besser gesagt: fragend-erklärender Unterricht im Klassenverbund) kann die Stabilität der Sicherheit meiner Meinung nach am ehesten gewahrt, die Balance zwischen Fremden und Vertrauten gehalten werden.

Das Gleichgewicht zwischen Ordnung und Chaos zu halten bleibt eine schwierige künstlerische Herausforderung. In „einfach systemisch!“ werden die Widersprüche mit denen jeder Lernende umzugehen zu lernen hat auf S. 64 aufgelistet.
Um mit den Herausforderungen adäquat umgehen zu lernen und eine “künstlerische” Gestaltung an das Unterrichten und die Klassenführung zu entwickeln gilt es vor allem die Erwartungen an sich selbst und an die Lernenden nicht zu hoch zu schrauben – sich als Teil des Systems mit beschränkten Möglichkeiten zu sehen. [Eine etwas andere Sicht gibt es bei Mark zu lesen]

Systemische Lernkultur

Um einen optimalen Lernprozess anregen zu können sollte die Lehrperson möglichst ganzheitliche Lernimpulse und persönlich bedeutsame Lerninhalte anbieten. Sicherlich wäre es für SchülerInnen am besten nur das zu Lernen, was Interesse und Neugierde auslöst. Leider wird im Buch „einfach systemisch! an diesem Punkt auf Anregungung von reformpädagogischen Richtungen weiter verwiesen.

Ziel des systemischen Bildungsprozesses ist es die Fähigkeit zur Selbstorganisation zu erlangen. Korrekterweise wird an diesem Punkt im Buch auch auf den Widerspruch hingewiesen der durch das Eingreifen der Lehrperson bei der Vermittlung der Lerninhalte entsteht. (Der Reformpädagoge Hugo Gaudig hält die Lehrerfrage für Förderung von Unselbständigkeit)
Jüngere Lernende sind meiner Meinung nach zudem schlicht überfordert, wenn sie zu offen mit der Möglichkeit der Selbstorganisation konfrontiert werden. Im geeigneten schulischen Rahmen und der sinnvollen Eingrenzung der Möglichkeiten durch die Lehrperson wie in der Montessori-Pädagogik kann die Kompetenz zur Selbstorganisation sicherlich positiv gefördert werden. In dem bestehenden schulischen Rahmen fordern aber auch ältere SchülerInnen, wie ich dies im Praktikum eindrücklich erfahren habe, viel mehr die eng geführte frontale Form des Unterrichts. Gerade die Erwachsenen Lernenden arbeiten zielgerichteter und möchten mit wenig Aufwand und zeitlich effizient zum Erfolg kommen. Die Hürden auf dem Weg zur Matura sind die Klausuren und die Abschlussprüfung, die alle absolvieren müssen. Die SchülerInnen müssen allzu oft fremdbestimmt lernen. Es ist ihnen nicht zu verdenken, dass sie diesen Stoff möglichst reduziert und präzisiert serviert bekommen möchten um sich in kurzer Zeit auf die Prüfungen vorbereiten zu können. Dass so nicht unbedingt intelligentes Wissen geschaffen wird ist vielen Lernenden herzlich egal. Gewisse Fächer und Inhalte sind Pflicht. „Was soll ich später damit anfangen?“, ist eine berechtigte Frage, die mit dem Verweis auf Kompetenzförderung nicht befriedigend beantwortet werden kann. Die Lernenden befinden sich in einem System, das nicht demokratisch ist und in dem die Vielfalt der Lebensentwürfe nicht berücksichtigt werden. In einem autoritären System wo Widerstand auf einer gewissen Ebenen sinnlos ist, verhaltet man sich lieber passiv und versucht es sich so bequem wie möglich einzurichten. Um selbstorganisiertes Lernen zu fördern ist eine echte Partizipation notwendig. So sehr ich das Konzept begrüsse, der institutionelle Rahmen begünstigt diese Form des Lernens nicht. Aber Alternativen sind denkbar. [Dazu nächstes Mal mehr]

LernJob3

So begeistert ich von den Möglichkeiten von Google sites bin, wie ich dies im letzten Blogeintrag beschrieben habe, die Euphorie der Lernenden hingegen fällt im Umgang mit Webanwendungen diesbezüglich sehr unterschiedlich aus.

In meiner letzten Unterrichtsstunde mit einer meiner Praktikumsklassen ergab eine Evaluation zu meinem Unterricht zwar eine Wertschätzung meiner Bemühungen mit der Erstellung einer eigenen Webseite, die Lernenden erachteten aber den Aufwand für die kurze Dauer eines Praktikums als zu hoch an.

Interessanterweise ergab die gleiche Evaluation mit der anderen Klasse, die einen Online- LernJob zu erfüllen hatte ein etwas anderes Bild. Da diese Klasse insgesamt viel weniger Mühe hatte sich mit PC und Internet zurechtzufinden und ausserdem für die Bearbeitung des Auftrages wesentlich mehr Zeit zur Verfügung hatte, war auch das Feedback dementsprechend positiver.
Die beiden Klassen sind in ihren Voraussetzungen ähnlich:
- Erwachsenenklasse, – Berufsbegleitende Berufsmatura, – Kleine Klasse mit elf respektive vierzehn SchülerInnen, – etwa achzig Prozent weiblich, – Durchschnittsalter Anfang zwanzig.
Der grösste Unterschied liegt bei den beruflichen Hintergründen. Während in der medienfreundlichen Klasse alle Lernenden einen kaufmännischen Abschluss besitzen und auch die BM in diesem Profil absolvieren, haben in der anderen Klasse die Lernenden ganz unterschiedliche berufliche Werdegänge hinter sich und besuchen das BM-Profil Soziales. In der Arbeitshaltung und betreffend des Klassenklimas könnten die zwei Klassen nicht unterschiedlicher sein. Die „kaufmännischen SchülerInnen“ bevorzugen stilles, selbständiges Arbeiten. Während der Lektion beteiligen sie sich sehr zurückhaltend am Klassengespräch. Die „sozialen Schülerinnen“ hingegen beteiligen sich ausserordentlich rege im Plenum und wünschen sich ganz ausdrücklich frontalen Unterricht.
Wie das soziale System Klasse die Haltung der Lehrperson beeiflusst und wie umgekehrt,dazu mehr im nächsten Blogeintrag.

Die dringendste Fragen der SuS, wie die selbständige Arbeit in der Prüfung berücksichtigt wird konnte nur ausweichend beantwortet werden indem auf die Erarbeitung von Kompetenzen verwiesen wurde. Mit einer eigenen Klasse würde ich mit Hilfe eines Kompetenzraster mehr Verbindlichkeit und Selbstkontrolle zu erzeugen versuchen.

Zu Sanktionen musste ich zum Glück bei keiner der beiden Klassen greifen. Bis auf je eine entschuldbare Ausnahme wurden die Arbeitsaufträge zur vollen Zufriedenheit erledigt. Leider haben die Lernenden ausnahmslos nicht gemerkt, dass es nach dem Erstellen einer Seite noch zwei weitere Schritte zu erfüllen gibt (Siehe Arbeitsauftrag). Ich wollte die Klasse nicht verpflichten diese Aufgaben noch zu erledigen. Meine Einflussmöglichkeiten nach dem Praktikum wären zu gering und die Praxislehrperson sollte nicht Altlasten von mir übernehmen müssen. Da ich die SchülerInnen zur freiwilligen Erledigung gebeten habe, kann ich es jetzt wohl vergessen, dass noch etwas zusätzliches kommen wird.

 

LernJob 2

Die Fortschritte meiner SchülerInnen bei der Bearbeitung ihres LernJobs sind leider nicht sehr weit gediehen (Siehe letzter Artikel). Die Lernenden haben die Möglichkeit genutzt eine Stunde früher nach Hause gehen zu können und die Bearbeitung des LernJobs verschoben. Der Termin der Fertigstellung wurde klar kommuniziert, die Resultate werden in der letzten Praktikumslektion besprochen. Ich werde den Lernenden nochmals zu verstehen geben, dass wer seinen Artikel nicht bis zum entsprechenden Datum publizert hat, das Thema mündlich vor der Klasse vortragen muss. Da ich den LernJob im Rahmen des Praktikums nicht benoten kann, stehen mir keine weitere Sanktionen zur Verfügung. In erster Linie werde ich die SchülerInnen aber versuchen anzuregen, dass der LernJob erstens positive Folgen für ihre Auseinandersetzung mit dem Thema mit sich bringt und zweitens ihre methodischen Kompetenzen im Umgang mit dem Internet fördert.
Die Möglichkeiten von iGoogle für den Einsatz im Unterricht sind sehr umfangreich und leicht anzuwenden. Den Internetgiganten an dieser Stelle zu preisen und dessen Dienste weiter zu empfehlen fällt mir nicht ganz leicht, da mir dessen Dominanz und gewisse Methoden auch nicht ganz geheuer sind. Die Vorteile für meine privaten und schulischen Zwecke überwiegen jedoch die Skepsis bei weitem.

  1. Die Google Docs Anwendungen sind einfach erklärt, praktisch anzuwenden und mit anderen Office-Anwendungen kompatibel.
  2. Sämtliche erstellten Textdokumente, Tabellen, Formulare, Zeichnungen und Präsentationen lassen sich mit anderen Personen teilen und ermöglichen dadurch ein effektives kolaboratives Arbeiten.
  3. Der zur Verfügung gestellte Speicherplatz wird laufend erweitert. Zahlreiche Webseiten und Dokumente können zentral im Netz gespeichert bleiben. Der Zugriff ist ortsunabhängig.
  4. Die Verwaltung über einen Anbieter erleichtern die Arbeit und die Synchronisation der verschiedensten Anwendungsmöglichkeiten ungemein.

Die Möglichkeiten bei der Webseitengestaltung haben mich vollends von Google als Dienstleister für umfassende Web 2.0-Anwendungen überzeugt. Die einfach erstellten Seiten können sowohl zur Ansicht, wie auch zur Bearbeitung nur für exklusive Nutzer eingestellt werden. Mit den Funktionen von Miniblog, Listen, Dokumentenordner, Formulare, Fotoalben, u.s.w. erfüllen sich meiner Meinung nach mehr Bedürfnisse eines Learning Management Systems als Moodle, Wiki, Ilias und Mahara zusammen.

LernJob 1

Meinen LernJob habe ich so gestaltet, dass er auch in meinem derzeitigen Praktikum ausprobiert und durchgeführt werden kann. In der ersten Stunde mit der „Versuchsklasse“ habe ich die elf  SchülerInnen der Berufsmaturitätsschule in Weinfelden gefragt ob sie lieber ein Kurzreferat vor der Klasse halten möchten, oder eine Seite im Internet gestalten möchten. Eine hunderprozentige Mehrheit sprach sich für die zweite Option aus. Die Lernenden können am Unterrichtsinhalt partizipieren. Ihrem Wunsch sollte entsprochen werden.

Dank dem einfachen Tool von Google sites konnte ich innerhalb von vernünftiger Zeit eine Webseite erstellen, welche der Klasse als Gerüst für weitere Aktivitäten in anderen Fächern dienen könnte. Zu den Möglichkeiten von Google sites später mehr. Der LernJob besteht kurz gefasst aus folgenden Aufgaben:

Die Lernenden müssen sich für ein Thema entscheiden, dieses im Internet recherchieren und auf einer selbst gestalteten Webseite präsentieren. Inhaltlich nehmen die Lernenden kritisch Bezug zur Ideologie des Nationalsozialismus und verfassen einen Kommentar zu einem Artikel der MitschülerInnen.

Folgende Lernziele werden formuliert:

  • eine eigene Webseite erstellen
  • ein Thema reflektiert präsentieren
  • eine Internet-Recherche durchführen
  • einen kritischen Kommentar verfassen

Für diese Aufgabe stehen den Lernenden drei Lektionen sowie zwei Stunden als Hausaufgabe zur Verfügung. Als Glücksfall hat sich erwiesen, dass meine Praxislehrperson vergessen hatte mir vorab mitzuteilen, dass die Klasse neben den zwei Wochenstunden, die ich mit ihnen durchführen werde, eine dritte Geschichtslektion besuchen. Drei dieser zusätzlichen Lektionen können für diesen selbständigen LernJob verwendet werden. Die Lernenden bekommen sogar die Möglichkeit den Lernort selbst zu bestimmen: Ein Informatikraum an der Schule steht zur Verfügung. Der LernJob kann aber auch  zu Hause oder an einem anderen Ort mit PC und Internet durchgeführt werden.

Die Betroffenheit bei den Lernenden zu erwirken, wurde durch die provokative Gestaltung der Seite versucht:

Die ausformulierte Aufgabenstellung sowie die Fortschritte der Lernenden in ihrem LernJob sind unter dieser Adresse ersichtlich: https://sites.google.com/site/jmkb09a/home

Systemisch lernen

Dass Lernen eine selbstorganisierte Tätigkeit ist, die nicht perzeptiv, sondern nur handelnd ausgeübt werden kann, war die Aussage meines letzten Artikels.

Wissen wird nicht passiv aufgenommen, sondern entsteht im Lernenden.“ (einfach systemisch, S. 43) Diese Aussage will die Autorin als Antwort darauf verstehen welche „Landkarten“ wir vom Lernen machen und wie unsere Vorstellung von der des Lernenden verschieden sein kann. Genauso wie wir unsere Lebenswelt konstruieren haben wir auch eine Vorstellung davon wie wir selbst unser Lernen erfahren und wie wir als Pädagogen dies für unsere SchülerInnen voraussetzen. Das Problem ist nur das jeder eine etwas andere „Landkarte“ besitzt. Die Theorien können wissenschaftlich fundiert und bewusst, oder empirisch erfolgreich und unbewusst sein. Auf jeden Fall haben sich die Theorien für unsere Lebensführung und unsere Selbstkonstruktion als viabel erwiesen. „Eine Theorie ist eine höchst lebenspraktische Notwendigkeit: Sie ordnet unsere Erfahrungen und erklärt uns die Welt. (…) Unsere Theorien bestimmen, was wir beobachten.“ (S. 44)

Unsere Weltsicht bleibt keineswegs eine starre Konstruktion. Wir selbst sind in der Lage die Aufmerksamkeit zu änderen und neue Sinnkonstruktionen zuzulassen.

Nach Luhmann bedeutet Sinn, vereinfacht gesagt, eine Präferenz unter Möglichkeiten, die für uns handlungsmässig erreichbar und erlebnismässig aktualisiert werden können.
(Vgl.: Luhmann, Soziale Systeme, S. 82 ff)

Folgende Anregungen für eine „sinnvollere“ Pädagogik schlagen die Autoren von „einfach systemisch!“ vor:

  • Die Reduktion der Erwartungshaltung und eine Haltung der Neugier.
  • Statt in Kategorien wie „richtig und falsch“ lieber „besser und schlechter“ zu denken.
  • Eine zukunftsgerichtete positive, ressourcenoptimierte Haltung einnehmen.
  • Freiraum geben für Suchprozesse und Experimente und dabei eine fehlertolerante Kultur fördern.

Die wichtige Unterschiedung von optimierendem Lernen und Fehlerlernen erklärt hier Professor Peter Kruse:

Den Freiraum für selbstorganisertes Lernen zu gewähren setzt Mut voraus Unvorhergesehenes zuzulassen. Wie ich schon im Artikel „Hypothesen“ und „Komplexreduktion durch Handlung“ dargelegt habe, wird in „Einfach systemisch!“ auf den Punkt gebracht: „Ich muss wirksam handeln ohne zu wissen, was mein Handeln auslöst.“ (S.48)

Komplexitätsreduktion durch Handlung

Nach Heinz von Foerster sind die kognitiven Prozesse zirkulär organisiert:

Die vom Motorium erzeugten Änderungen im Sensorium sind wiederum für Veränderungen im Motorium verantwortlich. Die menschliche Handlungsfreiheit bekommt aus dieser Perspektive eine neue, stärkere Bedeutung. Keine Erkenntnis kommt allein durch Perzeptionen, denn diese sind immer von Aktionsschemata begleitet. Erkenntnis entspringt also aus Tätigkeit.
[Vgl.: Heinz von Foerster: Entdecken oder Erfinden, in: Einführung in den Knstruktivismus, München 2005, S.68-70]

Wie auch in Einfach systemisch!  beschrieben müssen wir uns mit der Komplexität und der Ambivalenz in sozialen Systemen abfinden. Wie im letzten Eintrag erwähnt können Hypothesenbildungen helfen die Komplexität zu reduzieren und mit Ambi- oder Multivalenzen umzugehen. In vielen Situationen nützen uns nur die noch so klugen Hypothesen nichts, weil sie nicht in unserem Handlungsbereich liegen. Anstatt die Entscheidungen anderen zu überlassen und auf ein übergeordnetes Makrosystem zu verweisen, wie in unserem Fall das verkehrte Bildungssystem oder gleich die verkommenen Gesellschaft an sich, sollte man sich fragen: „Was kann Ich tun? Wo habe ich Veränderungsmöglichkeiten, aus meiner Kompetenz, meinem Aufgabengebiet, meinen Erfahrungen, meiner Rolle, meinem Verantwortungsbereich?“ (S. 27) Durch Handlung wird Komlexität verringert, man muss sich für eine Richtung entscheiden und mit den Konsequenzen leben. Die Handlung kann ein Problem in eine neue Richtung lenken, mit der man vorher gar nicht gerechnet hatte. Handlung bedeutet auch Verantwortung zu übernehmen und eine Rolle im System zu übernehmen, die wir als Beobachter vermeintlich nicht inne hatten.
Je nach dem wie wir unsere Welt konstruieren, handeln wir auch zum Nachteil unseres sozialen Systems. Wichtig dabei ist der Fokus auf die Stärken der Gruppenteilnehmer zu legen, auch unsere eigenen. Selbst wenn unser Handeln von Respekt und Wertschätzung geprägt ist können wir nicht davon ausgehen es immer richtig zu machen. Eine Komplexitätserweiterung ist in diesem Fall unumgänglich.
Unser Handeln ist vermutlich immer auf ein Ziel gerichtet. Welches Ziel ist jedoch nicht immer zu erkennen, da es oft auch nicht bewusst ist. Diese Ohnmacht können wir akzeptieren und trotzdem handeln. In Extremsituationen sind wir gezwungen intuitiv zu handeln und liegen dabei oft genau richtig.

Die Maxime Heinz von Foerster lautet: Willst du erkennen, lerne zu handeln. Der Zen Buddhist würde das als Tun im Nicht-Tun beschreiben.

Hypothesen

Bei Beschreibungen von Beziehungen können nur dialogisch Bedeutung geschaffen werden (Siehe letzter und vorletzter Blogeintrag). Beobachten wir Beziehungen monologisch (Was?) kommt unserer Beschreibung eine Eigenschaft zu. Systemisch wird versucht Verhaltensweisen (Wie?) in Zusammenhängen durch eine Perspektivenänderung zu erkennen. Statt einem Monolog kann ein Dialog in Form einer realen Kommunikation das vermeintliche Problem schon entschärfen.

Bedeutung entsteht nicht aus einem bloss objektiven Zeigen, sondern aus intersubjektiven Strukturen, auf die man nicht zeigen kann. (Wilber, S. 167) In der sozialen Praxis mit Menschen haben wir es nicht mit beobachtbaren Gegenständen, sondern mit Individuen zu tun, die unterschiedliche Gefühle, Vorstellungen und Interessen haben.

Verschiedene Hypothesen zu einem komplexen Problem zu bilden, wie dies in „einfach systemisch!“ (S. 22-24) vorgeschlagen wird, scheint mir ein viabler Ansatz zu sein um in einer vernetzten Wirklichkeit Lösungsansätze zu finden. Am besten tauscht man sich mit anderen Eingeweihten aus, die jedoch keineswegs vom Fach sein müssen. Gerade die Einnahme einer anderen Perspektive kann fruchtbar wirken.

Eine einzige allgemein gültige Ursache in Bezug auf soziale Systeme erkennen zu wollen ist nicht nur schwer nachzuvollziehen sondern kommt einer totalitären Sichtweise gleich. Keine Ursache zuschreiben zu wollen, kommt einer Teilnahmelosigkeit, einer Apathie gleich. Glücklicherweise sind uns oft mehrere Ansätze zum Handeln  bewusst. Gerade Handeln kann verhindert werden, weil man ja weder die eine noch die andere Wahl wirklich bevorzugt, die Konsequenzen nicht kennt, sondern nur abzuschätzen versuchen kann. Ambivalenz in einer Gruppensituation anzuerkennen ist das eine, es bei sich selbst zuzulassen braucht Vertrauen. Die Ungewissheit, Verwirrtheit zuzulassen die eine innere Veränderung benötigt (einfach systemisch!, S. 13) die unbewusst abläuft, erst recht zu Handeln ohne vermeintlich erkannt zu haben erfodert meiner Meinung nach Mut und Glauben.

Handle immer so, als würde die Erlösung des Universums von deiner Handlung abhängen. Und lache dabei immer über dich selbst, dass du glaubst, du könntest überhaupt etwas mit deinem Tun bewirken.“ (Buddhistische Weisheit)

[Ken Wilber, Naturwissenschaft und Religion, Frankfurt a.M. 2010]

[Weiterführend: Komplexiditätsreduktion durch Handlung und Systemisch lernen]

 

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